Indiennothilfe_Frauen

 

 

Deutscher Spendenrat_Logo

 

 

Presse

Mit ganzer Kraft gegen die Verzweiflung

Westdeutsche Zeitung 12. Oktober 2006

 

Ein Krankenhaus im Dschungel, sauberes Wasser in den Slums – all das kommt aus Ratingen. Ein Lintorfer Ehepaar kämpft für die Ärmsten Indiens.

 

VON VERA ZISCHKE

 

Lintorf. Indien ist weiter weg als sieben Stunden Flugreise. Viel weiter. Manchmal weiter als das eigene Vorstellungsvermögen. „In Kalkutta leben die Menschen auf der Straße, dort bekommen sie ihre Kinder und sie sterben auch dort“, sagt Karin Demuth. Die Lintorferin ist eine Pendlerin zwischen den Welten. Gemeinsam mit Ehemann Walter Lück hat sie vor zwölf Jahren eine Hilfsorganisation für die Ausgestoßenen und Vergessenen gegründet.

Seitdem hat die Indien-Nothilfe ein Krankenhaus gebaut, sauberes Wasser in die Slums der Großstädte gebracht und Medikamente für Leprakranke besorgt. Karin Demuth und Walter Lück leisten schwere Arbeit. Ihnen fällt sie leicht. „Ich habe am eigenen Leibe erlebt, was es bedeutet in einem Land krank zu sein, in dem Ärzte ohne fließendes Wasser und Strom arbeiten müssen“, sagt Walter Lück. Als das Ehepaar vor dreizehn Jahren das erste Mal mit dem Rucksack nach Indien reiste, bekam Walter Lück plötzlich hohes Fieber. Die Diagnose: Lungenentzündung. Der 63-jährige landete in einer Privatklinik – einem Kellerraum mit Pritschen, in dem fünf Schritte weiter ein rostiger Operationstisch stand. Zum nächsten Röntgengerät ging es 50 km weit über die Berge.

Walter Lück wurde wieder gesund – mit Glück und der Hilfe eines jungen Arztes. „Wir sind Freunde geworden und haben beschlossen: In einem Land ohne Fachärzte, in dem sich der Großteil der Menschen nicht einmal einfachste Behandlungen leisten kann, muss ein Krankenhaus mit kostenlosen Behandlungen her“, erinnert sich Karin Demuth.

Vier Jahre und viele Spendensammlungen später stand die Klinik. Mittlerweile finanziert sie sich selbst. „Am Anfang stand ich selbst mit der Taschenlampe im Operationssaal, weil noch Strahler fehlten“, erinnert sich Karin Demuth. Sie hat mittlerweile ihren Job gekündigt. Die Indien-Nothilfe ist zur Lebensaufgabe geworden.

Und doch: Hat sie keine Berührungsängste, bei all dem Elend, dem Dreck und den Krankheiten ? „Man darf nicht zimperlich sein. Vor allem aber darf man keine Vergleiche zu Deutschland anstellen“, macht die Lintorferin klar. „Diese Menschen zeigen eine Nähe und eine Herzlichkeit, die mich berührt – egal ob ich in der Leprastation bin oder in den Slums“.

Eine weitere große Aufgabe der Indien-Nothilfe: Die Versorgung der Tsunami-Opfer. „Es gibt in Indien eine Bevölkerungsgruppe, die hat keine Hilfslieferungen und keine Entschädigung bekommen“, sagt Karin Demuth. Gemeint sind die „Unberührbaren“, Menschen, die in keine Kaste hineingeboren wurden und demnach in der streng geordneten hinduitischen Gesellschaft keinen Platz haben. „Diese Menschen dürfen nicht von jedem Brunnen Wasser holen und müssen schmutzige Arbeiten verrichten“, erklärt Walter Lück.

Unter diesen „Unberührbaren“ sind viele Tsunami-Witwen. Ihnen möchte die Indien-Nothilfe gemeinsam mit einem Jesuitenorden vor Ort helfen. Die Idee: 1.000 Frauen bekommen jeweils 70 Euro, mit denen sie ein eigenes Geschäft aufbauen können. Das kann ein kleiner Kiosk sein, Viehwirtschaft oder eine Näherei. Wer Gewinne macht, zahlt einen kleinen Teil in eine Gemeinschaftskasse für Dorfinvestitionen ein.

Entscheidend ist, dass die Frauen lernen, ihr Leben ohne fremde Hilfe zu meistern. Zunächst aber müssen Karin Demuth und Walter Lück selbst erst einmal für die Finanzierung sorgen. Und wenn es ums Spendensammeln geht, hoffen die beiden, dass zumindest in den Köpfen der Ratinger die Distanz zu Indien letztlich doch nicht unüberwindbar ist.

 

nach oben nach oben